Nachhaltig einkaufen – ganz ohne Bio-Supermarkt

Wo der Städter zum Bio-Konsumenten wird, übt der Landbewohner den Verzicht. Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich so, als ob Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit in größeren Städten leichter gelebt werden könnten als auf dem Land.

Fahrradwege, gute Bus- und Bahnverbindungen, viele Bio-Supermärkte und eine Gastro-Szene, die auch Nahrungsspezialisten berücksichtigt. Da scheint sich der Landmensch mehr Mühe geben zu müssen, um sein ökologisches Verantwortungsgefühl erfüllen zu können. Aber das ist gar nicht so schwierig, denn gerade in ländlichen Regionen gibt es hervorragende Angebote, die in der Regel sogar noch einen großen Pluspunkt gegenüber den Bio-Angeboten in der Stadt haben:

Die Produkte stammen fast alle aus der nächsten Umgebung. Beim Landmetzger beispielsweise. Nicht nur, dass die Metzger wissen, wo die Tiere herkommen, die zu Schnitzel und Wurst verarbeitet werden. Der Familienbetrieb der Landmetzgerei Jedowski aus Balve beispielsweise verfügt über einen eigenen Schlachthof in Unna. Andere lassen in der Region schlachten und verarbeiten das Fleisch häufig noch selbst, so wie die Metzgerei Graf in Neuenrade. Das Geschäft ist seit 1906 eine Institution in Sachen Wurst und Fleisch. Neben Junior-Chef Frank Middendorf steht auch der Senior-Chef Ernst-Walter Middendorf mit seinen über 70 Jahren noch gerne hinter der Theke. Die Spezialität der Traditionsmetzgerei ist der Neuenrader Schinken, der in der eigenen Rauchanlage geräuchert wird. Dieser milde, naturgesalzene und über Buchenholz geräucherte Leckerbissen wird auch im Karl serviert – beispielsweise zum Frühstück.

Auch die Landbäcker besinnen sich zunehmend auf ihr traditionelles Handwerk. In den Backstuben zählt wieder Klasse statt Masse: Das Sortiment bleibt überschaubar, kommt aber ohne Backtriebmittel und andere Helferlein aus. Dieser Qualitätsanspruch zahlt sich aus. So sehr, dass sogar Kunden aus den umliegenden Städten in die Dörfer kommen, um hier ihr Brot, Teilchen oder Kuchen zu kaufen. Ganz besonders begehrt sind die Holzofenbrote, wie sie beispielsweise Hubert Deitmerg in Lengelsen, Werdohl backt. Seinen Backofen heizt der Bäckermeister mit Buchen- und Eichenholz. Die Zubereitung und der Backvorgang brauchen entsprechend viel Zeit und Erfahrung. Aber diese Zuwendung, die der Bäcker seinen Produkten schenkt, schmeckt den Kunden. Auch zur Brauchtumspflege werden in vielen Dörfern im Sauerland regelmäßig Holz-Backöfen angeheizt, etwa an der Brennscheider Mühle in Nachrodt-Wiblingwerde. Die Backtermine werden im Internet bekannt gegeben. Eine frühe Anreise ist an den Backtagen angebracht, denn schon bevor die köstlich duftenden Brote aus den Öfen genommen werden, bilden sich lange Warteschlagen. Schneller geht es für Abend-Gäste im Karl. Sie können frisches Holzofenbrot aus der Region als Beilage zu zahlreichen Gerichten von der Abendkarte genießen.

Die Hof- oder Dorfläden sind die neuen Supermärkte der Landbevölkerung. Aber auch immer mehr Städter nutzen das wachsende Angebot im ländlichen Umfeld, fahren raus und kaufen Bio ein. Inzwischen bieten die kleinen Land-Läden nahezu alles für den täglichen Bedarf. Neben konventionellen Produkten finden sich viele landfrische Produkte aus eigener Produktion oder aus der Region. Viele der Hofläden liefern ihre Produkte auch aus und haben einen Online-Shop. Ganz besonders pfiffig ist die Idee der Göddes vom Hof Gödde in Balve. Außerhalb der Öffnungszeiten ihres gut sortierten Hofladens können sich die Kunden aus dem „Regiomat“ Eier, Gemüse, Grillfleisch, Saft und andere regionale Produkte ziehen.

Bis weit über die Grenzen von Balve hinaus ist die Landwirtschaft aber auch für ihre Gänse bekannt. Bevor sie als Martins- oder Weihnachtsganz unter anderem auch im Karl auf dem Teller landen, schnattern, laufen und grasen sie auf einem großen Stück Weide, direkt neben dem Hof.

Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Ressourcen schonen, Müll vermeiden und mit Lebensmitteln respektvoll umgehen. Es bedeutet auch auf kurze Anfahrt- und Transportwege zu achten und die Arbeit, die jemand für die Herstellung des Pro-duktes benötigt hat, angemessen zu bezahlen. Vielleicht ist es auch der Verzicht auf täglich wechselnde Angebote und riesige Warensortimente, denn wo viel produziert wird, wird auch viel weggeworfen. Die Menschen auf dem Land finden hier ebenso gute Voraussetzungen, Verantwortung für die Umwelt zu zeigen, wie die Menschen in der Stadt. Die möglicherweise weiteren Anfahrtswege gleichen sich häufig durch kürzere Transportwege der Waren wieder aus.

Wichtig ist jedoch, dass die vorhandenen Angebote auch genutzt werden. Denn dies ist nicht nur für die Umwelt gut, sondern vor allem für die Bäcker, Metzger, Landwirte und so weiter, die sich mit guten Ideen gegen die Supermarkt-Konkurrenz und Billiganbieter behauptet haben. Dasselbe gilt auch für die Gastronomie in ländlichen Regionen. Viele der verwendeten Lebensmittel kommen (wie beim Karl) aus der Umgebung und zeichnen sich durch besondere Frische und Geschmack aus.

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